Dies ist eine Zusammenstellung von Texten, die vom Fachverband Kultur- und Kunstgeragogik erstellt wurden



Geragogik

Geragogik ist die Wissenschaft von Bildung und Lernen im Prozess des Alterns. Dabei ist auch die Praxis mitgedacht, d.h. Geragog*innen ermöglichen, initiieren und begleiten Lern- und Bildungsprozesse Älterer und geben Anregungen das (eigene) Altern reflektierend zu gestalten.

Die Kunstgeragogik im Besonderen nimmt die Kunst als Basis.

Sie initiiert künstlerische Prozesse und will zur Auseinandersetzung anregen (z.B. zu persönlich relevanten Themen > vgl. Biographiearbeit), behandelt verschiedene Techniken und stellt Materialen vor, bezieht kunstgeschichtliches Wissen mit ein, arbeitet mit Wahrnehmungsschulung/Bildbetrachtung und möchte neue Erfahrungen ermöglichen, bleibt ergebnisoffen, ist immer auch biografisch, hat aber keinen persönlichen Heilungsprozess zum Ziel (vgl. Kunsttherapie).

Kunstgeragogik hat viele Facetten. Vom bildnerischen Gestalten bis zu Theater und Tanz kann jede Methode dienlich sein, wenn es um die Anregung und Förderung künstlerischer Prozesse geht. Wir haben uns hier mal jede(r) an einer persönlichen Definition versucht:


Kunstgeragogik für Menschen mit Demenz

Demenz ist ein prozessuales Geschehen. Sie kann eine Entwicklung von minimaler kognitiver Beeinträchtigung bis zum absoluten Rückzug in sich selbst bedeuten.
Es gibt gut 100 unterschiedliche Erkrankungen, die ursächlich für ein demenzielles Symptom sind und jede dieser Erkrankungen verläuft anders.

Die Diagnose Demenz macht Menschen also nicht zu 'Dementen' und es kann nicht von der 'Demenz' gesprochen werden. 

Kunstgeragogik für Menschen mit Demenz bedeutet deshalb eine individuelle Begleitung durch einen Veränderungsprozess, bei dem die Erkrankung je nach persönlichen Voraussetzungen sehr unterschiedlichen Einfluss auf die Erkrankten hat. 
Für eine künstlerische Begleitung ist es wichtig, verschiedene Stadien/Phasen der Erkrankung und damit verbundene Bedürfnisse und Einschränkungen der Teilnehmer*innen im Blick zu haben. Daraus ergeben sich dann die möglichen Methoden in der Begleitung.

Bedürfnisse, Möglichkeiten und Einschränkungen von Menschen mit dementiellen Veränderungen:

„Demenz betrifft nicht nur das Gehirn, sondern den gesamten Menschen. Diese Auffassung liegt den personzentrierten Ansätzen in der Begleitung von Menschen mit Demenz zugrunde. Wichtig ist demnach nicht nur die Berücksichtigung der grundlegenden physischen, sondern ebenso der psycho-sozialen Bedürfnisse. Zu diesen Bedürfnissen gehört auch das Bedürfnis nach Beschäftigung. Was als eine sinnvolle oder besser sinnerfüllende Aktivität erachtet wird, ist individuell verschieden.“
(aus: „Auf Flügeln der Kunst” von Flavia Nebauer/Kim de Groote, Seite 21)

An das Bedürfnis nach sinnerfüllender Aktivität, die nicht nur Zeit vertreibt, sondern der Gegenwart einen Sinn gibt, knüpft die künstlerische Aktivität an. Sie hält viele Möglichkeiten für den persönlichen Ausdruck bereit, der wiederum identitätsstiftend ist.

Denn im Laufe der dementiellen Erkrankung wird es für die Betroffenen immer schwerer, ihre Bedürfnisse verbal zu äußern; künstlerisches Tun ermöglicht, sich auf andere Weise ausdrücken. Als Person gesehen und ernst genommen zu werden hilft der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und sich mitzuteilen.

Durch kognitive Einschränkungen wird der Alltag für Menschen mit Demenz immer schwerer zu bewältigen und vertraute Abläufe können nicht mehr gelebt werden. Durch Reminiszenz- und Körperarbeit können verborgenen Erinnerungen ein Weg ins Bewusstsein bereitet werden. Demenz ist also nicht gleichzusetzen mit Vergessen.Die sinnliche Attraktivität, die von Farben und verschiedenen Materialien sowie der Arbeit direkt mit den Händen ausgeht, wirkt anregend. Kreative Impulse können verloren geglaubte Fähigkeiten und Qualitäten wieder in Erscheinung treten lassen, Freude am eigenen Tun kann entstehen und Selbstwirksamkeit erlebt werden. Dies führt zu einem verbesserten Allgemeinbefinden.

Rationales Lernen ist je nach Fortschreiten der Krankheit verlangsamt, aber selbst in einer Demenz bilden sich neue neuronale Verknüpfungen. Und gerade in frühen Stadien gibt es immer noch ein 'Lernen wollen' (z.B. bestimmte Materialien einsetzen, neue Techniken lernen).Menschen mit Demenz wollen auch gefordert werden, denn die Absprache von Fähigkeiten per se ist würdelos. Sich je nach den individuellen Möglichkeiten mit der eigenen Situation, der eigenen Biografie oder anderen Inhalten auseinanderzusetzen, dies ist über die künstlerische Arbeit möglich.

Gesellschaftliche Teilhabe, sei es durch Besuche von Museen oder anderen kulturellen Veranstaltungen, unterstützt und ermöglicht den Austausch mit anderen über Ideen und Vorstellungen.

Haltung und Selbstverständnis von uns als Kunstgeragog*innen 

"In der Begleitung im künstlerischen Prozess versuche ich, mich von meinen Vorstellungen, was im künstlerischen Raum passieren könnte, frei zu machen. Nur so kann ich zusammen mit den Menschen mit Demenz in eine wohl auch ihnen unbekannte "Welt" gehen, in der wir nach Möglichkeiten suchen, ihren inneren Bildern Ausdruck zu verleihen (...)

Als Begleiter*innen benötigen wir ein hohes Maß an Wissen, Einfühlungsvermögen und eine gute Beobachtungsgabe, um in die Begegnung mit Menschen mit Demenz zu gehen und Impulse aufzugreifen. Als Kunstgeragog*innen schaffen wir Möglichkeitsräume für den Ausdruck und für die Begegnung. Zentral ist es, die unterschiedlichen Bedürfnisse, Möglichkeiten und Einschränkungen, die sich aus dem Fortschreiten der Krankheit ergeben, im Blick zu haben und gefahrlose sowie weder zu niedrig schwellige noch zu schwierige Rahmenbedingungen zu setzen. Besonders wichtig ist uns ein prozess- und nicht zielorientiertes Arbeiten, das die Autonomie der Menschen mit Demenz wahrt und Freude und Wohlbefinden unterstützt. (...)

Die Geduld und Gelassenheit auf das zu warten, was die Menschen mit Demenz mir in einem eigendynamischen Prozess aus sich heraus präsentieren, stellt eine große Herausforderung (...) dar."
(aus: „Demenz-Kunst und Kunsttherapie”, Michael Ganß, S.227/ 228)

"Zusammenfassend für unser Engagement können die Worten von Tom Kitwood stehen, der die folgenden wichtigsten psycho-sozialen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz benannt hat: 
TROST, BINDUNG, EINBEZIEHUNG, BESCHÄFTIGUNG und IDENTITÄT."
(vgl: „Auf Flügeln der Kunst” von Flavia Nebauer/Kim de Groote, Seite 21)